Geschichten - Frieda Riemer

„Die Insel war unser liebster Spielplatz“

„Ich bin zwar nicht mehr gut zu Fuß, aber erzählen kann ich eine Menge“ beginnt Frieda Riemer ihre Erzählung und lächelt. „Meine Kinder wissen gar nichts davon, aber ich will sie überraschen und das machen wir jetzt!“ fügt sie gleich hinzu. „Mensch, das waren noch Zeiten damals“ erinnert sie sich. „Ich bin auf der Insel, in dem Haus meiner Eltern geboren. Wir haben früher als Kinder immer am Ufer gespielt“, erzählt sie. „Eine richtig Ausbildung machte ich nie,  habe aber immer gearbeitet. Acht Jahre lang war ich in der Schule Unter den Linden und mit 15 Jahren  ging ich dann zum Obstzüchter Dietloff in Stellung. Wir erledigten damals alle Arbeiten, die auf dem Obsthof angefallen sind. Am interessantesten und aufregendsten für uns jungen Mädels war immer das Schützenfest. Da mussten wir sonntags nur immer am Vormittag auf dem Hof arbeiten und dann ging´s zum Schützenfest nach Werder. Am ersten Sonntag bekamen wir zehn Mark und am zweiten fünf Mark zum amüsieren von Obstzüchter Dietloff“ erinnert sie sich ganz genau und lächelt.  „Früher war noch richtig Trubel auf den Festen und auch zur Baumblüte war immer viel los. Lustig war es vor allem auf der Friedrichshöhe. Da gab es gleich neben der Treppe eine Rutschbahn und wer besoffen war, wurde raufgesetzt und runtergeschickt. Unten wurden die Besoffenen dann eingesammelt und zum Ausnüchtern in die Turnhalle, in der Potsdamer Straße, gebracht, wo sie auf Strohballen ihren Rausch ausschlafen konnten.“

„Mit 16 Jahren ging ich als Hausmädchen nach Bornstedt, doch da blieb ich nicht lange und bin wieder nach Werder gekommen. Mit meinen anderen sieben Geschwistern sind wir immer ins Gesellschaftshaus auf dem Marktplatz, welches wir „Pantinenkeller“ nannten, zum Tanzen gegangen. Da habe ich auch meinen Mann kennengelernt. Früher war das viel gemütlicher mit dem Tanzen. Es gab noch einen Tanzmeister, der die uns dirigierte, links herum und rechts herum und so. Dann wurde immer das Licht ausgemacht und wir haben natürlich die Möglichkeit zum knutschen genutzt. Das war schön. Im Pantinenkeller habe ich auch meinen Mann kennengelernt. Er war ein Nachbar von meinem Bruder und wir sind uns manchmal über den Weg gelaufen. Einmal hat er dann meinen Bruder gefragt, ob er uns mal begleiten könne, wenn wir zum Tanz gehen. Der sagte zu und wir haben den ganzen Abend getanzt. Auch ein wenig getrunken,“ erzählt sie lächelnd. „Als wir nach Hause mussten, sagte ich ihm: So, und du bringst mich jetzt nach Hause . Wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Doch am nächsten Tag hatte ich einige Schwierigkeiten, mich an ihn zu erinnern. Wegen dem Alkohol.“ erzählt sie. „Ich erinnerte mich aber an die Verabredung und ging auf die Inselbrücke, wo wir uns treffen wollten. Als er dann endlich kam, wusste ich wieder, wer er war und später haben wir dann geheiratet. Meine Schwiegereltern hatten im Wachtelwinkel ein Grundstück. Da habe ich dann immer gearbeitet. Meine Eltern waren inzwischen nach Berlin gezogen und wollten, dass wir nachkommen, aber wir wollten nicht und so sind wir in Werder geblieben. Mein Mann Hans hat immer gesagt: Wenn meine Frieda nicht die Kirchturmspitze sieht, das geht doch nicht. Sechs Kinder haben wir zusammen und heute habe ich schon 19 Enkel und beim 19 Urenkel habe ich aufgehört zu zählen, es sind aber noch ein paar mehr. Sogar einen Ururenkel habe ich schon. Das ist eine richtig große Familie“ erzählt Frieda Riemer.

„An den Mühlenbrand kann ich mich auch noch ganz genau erinnern. Meine Eltern sind früher aus Platzgründen neben die Mühle auf der Insel gezogen. Ich habe zum dem Zeitpunkt immernoch in dem Haus gewohnt. Auf der anderen Seite des Mühlenberges hat meine Nichte gewohnt und ich bin fast täglich über den Berg zu ihr gelaufen. An diesem Tag jedoch ging ich nicht über den Berg, sondern drumherum und habe mich zu Hause ins Bett zum Mittagsschlaf gelegt. Ich wurde wach, weil draußen so ein Lärm war und fragte die Leute, was los ist. Frau Riemer, Frau Riemer, die Mühle brennt, erzählten sie mir. Die Frauen aus dem Kindergarten kamen schon und alle versuchten den Brand mit Eimern zu löschen. Die Feuerwehr brauchte auch einige Zeit, bis sie einen Hydranten am Wasser gefunden hat. Der Anblick war furchtbar. Die brennenden Mühlenflügel haben sich gedreht und die älteren Männer weinten“ erzählt sie. „Unsere Mühle war bis dahin immer ein beliebter Treffpunkt. Am Tage haben die Kinder darin gespielt und abends sind immer die Mädchen aus dem Internat mit ihren Kavalieren gekommen. Das die Kinder gekokelt haben und auch Matratzen in der Mühle lagen, wussten alle, aber erst nach dem Brand wollte die Polizei das alles wissen“ schließt sie ihre Erzählung.